ME MADE TRANSPARENT – MYSELF AS A POSTER

29.6.- 8.7.2021
Berlin-Ostbahnhof / Gleis 9 / Gleis 10
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Me! is burning, Anwar Al Atrash, 2021 / Copyright Anwar Al Atrash
Adobe Photoshop PDF
Es war irgendwie anders als ich vor einer Woche aufstand, Marwa Younes Almokbel, 2021 / Copyright Marwa Younes Almokbel

Berlin ist eine Stadt, die viele Menschen aus zweierlei Perspektive wahrnehmen, die sie – bildlich gesprochen – gleichsam mit ‚zwei Augen‘ zugleich sehen: Zum einen mit dem Auge des Einheimischen, zum anderen mit dem Auge des Fremden, der einst hierher kam, um hier auf kurz oder lang zu leben. Egal ob aus Tauberbischoffsheim, Buxtehude, Nürnberg, Damaskus oder New York: die Erfahrung, einerseits ‚local‘ zu sein und andererseits ‚stranger‘, einerseits echte Berliner*in, die ihr Kiez bis in die hintersten letzten Winkel kennt, andererseits im Herzen noch immer ein Stück weit ‚Dorfbewohner‘, ‚Kleinstädter‘, ‚Schwabe‘ oder ‚Ausländer‘ zu sein – das ist eine Erfahrung, die viele von uns ‚Neu-Berliner*innen‘ teilen.

Die Kunstaktion Me Made Transparent – Myself as a Poster von Berlin Artists Connected greift diesen Gedanken auf. Berliner Künstler*innen unterschiedlicher ethnischer und geografischer Herkunft gestalten großformatige Plakatwände, die üblicherweise für Werbung vorgesehen sind. Was sie auf den Plakaten preisgeben, sind sie selbst: die Bilder, Gedanken und Gefühle, die sie beim alltäglichen Gang durch die Straßen Berlins in sich tragen; und die anderen Menschen ansonsten zwangsläufig verschlossen bleiben. Es bildet sich dabei beides ab: Der Blick des Einheimischen und der des Fremden; der des hier Verwurzelten und der des zugleich andernorts Verankerten; der des Individuums, als das man sich selbst ganz selbstverständlich erfährt und der des ‚Migranten‘, des ‚Ausländers‘, des ‚Anderen‘, zu dem unsere Gesellschaft bis heute gerne Menschen erklärt, die über mehr, als allein eine Perspektive verfügen.

ME MADE TRANSPARENT – MYSELF AS A POSTER

Vom 29.6. bis 8.7.2021 sind auf Gleis 9 und Gleis 10 des Berliner Ostbahnhofes großformatige Plakate zu sehen, die von den Berliner Künstler*innen Marwa Younes Almokbel und Anwar Al Atrash gestaltet wurden. Die Kunstaktion, in deren Rahmen Künstler*innen unterschiedlichster Herkunft Orte im öffentlichen Raum Berlins gezielt wählen und mittels großformatiger Plakate künstlerisch kommentieren, wurde im Jahr 2018 konzipiert und erhielt 2020 eine Förderung durch das Kulturamt Friedrichshain-Kreuzberg. Leider untersagten die bis unlängst geltenden Corona Auflagen, die Aktion umzusetzen. Erlaubt war allein das Plakatieren von kommerzieller Werbung, jedoch nicht das Zeigen von zweckfreier Kunst in Plakatform, da generell Kulturveranstaltungen im öffentlichen Raum untersagt waren. Um so mehr freuen sich die Initiator*innen, das Projekt nun mit zwei ersten Plakaten starten zu können.

Gedanken der beiden Künstler*innen zur Ausstellung:

Berlin, hier, wo alle sich befinden, aber niemals sich begegnen. Zwei gerade Linien, viele parallele Linien, die sich nicht schneiden lassen. Hier genau stehen zwei Bilder/Gedanken/Künstler face to face und lassen dazwischen Raum für Begegnung, für Wahrnehmung und für Kunst. Die Mini-Ausstellung im Ostbahnhof versucht einen kleinen Raum für das ‚Andere‘ zu schaffen. Versucht den Rhythmus in solchen Räumen zu verlangsamen, wo alle rasch zu einem Ziel laufen und dabei vergessen, das Hier und Jetzt zu erleben. Im Sturm von Werbung überall stehen die beiden Bilder im Dialog und dazwischen sind Gleise, zwei gerade Linien, viele parallele Linien. (Anwar Al Atrash, Marwa Younes Almokbel)

ME! IS BURNING
Anwar Al Atrash – Gleis 9 / Berliner Ostbahnhof

Was motiviert mich, Kunst zu praktizieren? Lokale oder globale Ereignisse? Oder persönliche Umstände und Erfahrungen? Sensorische und kognitive Akkumulation? Reaktion auf alle oben genannten? In diesem Kunstwerk versuche ich, diese Frage zu beantworten, die mich schon lange beschäftigt. Begriffe und Sätze, Wörter und Titel, die ich bei einem persönlichen Vorfall gehört, gelesen, gesehen oder angetroffen habe. Sie besetzten mein Gedächtnis und meine Gegenwart. Sie können/können nicht unbedingt meinen Standpunkt ausdrücken, aber meine Interaktion mit ihnen ist absolut notwendig. Und in drei Sprachen nutze und lebe ich damit! (Anwar Al Atrash)

ES WAR IRGENDWIE ANDERS ALS ICH VOR EINER WOCHE AUFSTAND
Marwa Younes Almokbel – Gleis 10 / Berliner-Ostbahnhof

Das Bild der Welt ist mir fremd geworden, ich fühle mich immer mehr machtlos. Die Hoffnung als abstraktes Gefühl reicht mir nicht mehr. Ich brauchte etwas mehr etwas Materielles, ein Objekt, das ich festhalten kann, wenn ich die Hoffnung brauche, um alles weiter ertragen zu können. So existierten die Hoffnungswesen und haben mich in meiner Wohnung besucht als Gedanken und Sprache. Danach haben Sie mein Atelier besetzt und jetzt besitzen sie einen kleinen Raum im Ostbahnhof. (Marwa Younes Almokbel)

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Anwar Al Atrash
geboren 1979 in Damaskus, Syrien, machte 2005 seinen Abschluss an der Fakultät für Bildende Künste, Damaskus. Ende 2016 zog er nach Berlin, wo er seitdem lebt und arbeitet. 2018 war Al Atrash Stipendiat im Programm Weltoffenes Berlin der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf die Erforschung des Konzepts der Zugehörigkeit und der politischen Verbindung mit der Idee von Identität, zwischenmenschlichen Beziehungen und sozialen Strukturen.
http://www.anwaralatrash.com

Marwa Younes Almokbel
geboren 1991 in Damaskus, Syrien, studierte Kunst mit dem Schwerpunkt Druckgrafik an der Universität Damaskus, seit 2016 lebt sie in Berlin, wo sie als Grafikerin, Malerin und Performance-Künstlerin aktiv ist. Younes Almokbel war 2018 Stipendiatin im Programm Weltoffenes Berlin der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.
http://www.marwayounes-almokbel.de